BERICHT

(Bild von Benjamin Brückner http://www.benjaminbrueckner.com/)

WillkommensKulturTage Würzburg

Walls Down-Festival mit Kunst und Politik

Am 10. und 11. Juli fanden mit dem Walls-Down-Festival im Architekturbüro Stahl.Lehrmann, im Kino Central und im Julianum die ersten Würzburger Willkommenskulturtage statt – und waren ein voller Erfolg! Mehr als 550 BesucherInnen kamen zu den beiden Konzerten, den Filmen, dem Tanz-Workshop, den Tanztheater-Vorstellungen und der Ausstellung. Es kamen 3.800 € an Spenden zusammen, wovon sich das Festival, das ausschließlich in ehrenamtlicher Arbeit und ohne Fördermittel organisiert wurde, finanzieren konnte. Zudem können davon 770 € an den Würzburger Verein Vivovolo überwiesen werden, um dessen kulturelle, soziale und politische Flüchtlingsarbeit in Würzburg zu unterstützen. 300 € wurden von Mitwirkenden an den Freiraum e.V. gespendet, und 700 € kommen der direkten Unterstützung von Flüchtlingen zugute.

150 BesucherInnen erlebten am ersten Abend im aus allen Nähten platzenden Architekturbüro Stahl.Lehrmann in Rottenbauer einen sehr besonderen Abend. Drei Musiker mit palästinensischen Wurzeln (ihre Familien stammen aus Nablus, Hebron und Ramleh) waren an Klavier, Oud und Qanun zu hören. In einer bewegenden Begrüßungsansprache erinnerte Muchtar Al Ghusain durch Verweise auf die „ungeheure“ (wie die ZEIT titelte) Rede von Narvid Kermani (gehalten im letzten Jahr bei der Feierstunde des Deutschen Bundestages zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes) an das Versagen der europäischen Flüchtlingspolitik und die beschämende Aushöhlung unseres Grundgesetzes durch die entstellenden Ergänzungen zum Asylparagrafen 16. Anschließend schlug er am Fazioli-Flügel einen eindringlichen musikalischen Bogen von „Heimat“ (mit zeitgenössisch-folkloristischen Stücken des iranischen Komponisten Siavash Beizai) über „Flucht und Vertreibung“ (mit den wuchtig-brutalen, ja grausamen Clustern Galina Ustwolskajas) bis zum „Ankommen in Sicherheit“ (mit den perlend-preziösen barocken Sonaten Domenico Scarlattis). Al Ghusain bezeichnete die gewählte Musikfolge leicht ironisch als Happy-End-Dramaturgie, in der Realität sieht die europäische Wirklichkeit natürlich weniger versöhnlich aus als in der Musik des Italieners Scarlatti, der einen Großteil seines Lebens und seine fruchtbarste Schaffensphase in Spanien verbrachte.

Der zweite Teil des Abends war klassischer arabischer Musik mit dem Oud-Virtuosen Adel Salameh aus Lyon und dem Qanun-Spieler Salah Eddin Maraqa aus Würzburg gewidmet. Sie entführten die ZuhörerInnen in wunderbare, selbstvergessene Sphären, geleitet von den kurzweiligen, erhellenden Erläuterungen Maraqas, der nicht nur ein außergewöhnlicher Musiker, sondern auch leidenschaftlicher Musikwissenschaftler ist. Ihre instrumentalen Improvisationen über traditionelle arabische Lieder aus dem gesamten vorderorientalischen Raum machten die vielfältigen, grenzüberschreitenden Verbindungen dieser Musiktradition erlebbar. Sie entließen das Publikum zu später Stunde entrückt in den lauen Sommerabend am Rottenbaurer Schloß.

Der Samstag begann mit einem Workshop mit der armenischen Tänzerin und Pädagogin Lusine. Wir waren zu Gast im Flamenco-Tanzraum von Manuela Paulsen im Kellergeschoß der Mozartschule. Wie schon am Abend zuvor platzte der Raum aus allen Nähten und konnte die Interessierten (fast 40) kaum alle aufnehmen. Eine kurzweilige Stunde lang führte Lusine in die Kunst und das Vergnügen traditioneller Tänze aus Armenien, Aserbaidschan und Russland ein.

Im Anschluss ging es weiter mit Filmen im Kino Central. Im Studio lief die rührende Geschichte um eine Giraffe, die im palästinensischen Zoo Qalqilya einem israelischen Bombardement zum Opfer fällt: „Giraffada“ von Rani Massalha, eine französisch-palästinensische Koproduktion, die nebenbei viel vom Wahnsinn des Alltags im besetzten Westjordanland erzählt. Das Programm im großen Kinosaal begann mit dem Kurzfilm „Utopia“ des in Würzburg lebenden Iraners Maneis Arbab, Kulturförderpreisträger der Stadt. In beklemmend-mystischen Bildern beschäftigt er sich mit dem Thema Flucht und der Sehnsucht nach Freiheit. Im Anschluss daran lief der bei der diesjährigen Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnete Film „Taxi Teheran“ von Jafer Panahi im Original (Farsi) mit deutschen Untertiteln. Das Kino war bis auf den letzten Platz besetzt (und darüber hinaus), und man merkte, wie begeistert es von zahlreichen anwesenden Muttersprachlern aufgenommen wurde, den Film in Originalsprache sehen zu können, und das barrierefrei, nämlich kostenlos. Jafer Panahi zählt zu den wichtigsten unabhängigen Filmemachern im Iran. Er ist zu 20-jährigem Berufsverbot verurteilt und darf sein Land nicht verlassen. „Taxi Teheran“ ist der dritte Film, den er trotz seiner Verurteilung machen und außer Landes schmuggeln konnte – er zeigt, was Kino selbst unter ärgsten Restriktionen vermag und zeichnet dabei mit feinsinnigem, leicht melancholischem Humor ein liebevolles Porträt der Menschen im Iran.

Danach zog das Publikum ins nahegelegene Julianum. Foyer und Turnhalle der Mozartschule neben den Räumen des Kino Central hätten sich als Veranstaltungsort im Herzen der Stadt angeboten, blieben aber so kurz nach dem Bürgerentscheid noch mit Kulturveranstaltungsverbot belegt. In der Turnhalle des Julianums (eines wenig bekannten, seit über 400 Jahren bestehenden Studienseminars und Internats) erwartete die über 200 BesucherInnen eine facettenreiche Ausstellung. An der Sprossenwand hingen Giovanni Siragusas beklemmende Fotos vom Alltag in Hebron, einer Stadt, in der eine Bevölkerung von rund 200.000 Palästinensern von 800 radikalen israelischen Siedlern, die hier auch im Stadtzentrum Häuser besetzt und sie dadurch zu einer Geisterstadt gemacht haben, tyrannisiert wird. Giovanni zeigt in unprätentiösen Bildern beiläufige Szenen, die wie nebenbei von der Verzweiflung in einer schier unerträglichen Lebenssituation erzählen. In einem sehr persönlichen Begleittext zu den Fotos erinnert Giovanni u.a. auch an seinen 2011 in Gaza ermordeten Landsmann, den Friedensaktivisten und Reporter Vittorio Arrigoni. Rashid Jalaei zeigte an der Längsseite großformatige, eindringliche Porträts von Bewohnern der Würzburger Gemeinschaftsunterkunft. Im Fußballtor hatte Benjamin Brückner seine analog fotografierten Porträts der beim Walls-Down-Festival mitwirkenden KünstlerInnen und Musiker aufgehängt, und an der Stirnseite der Turnhalle war Malerei des Armeniers Arash Mirshekar und der Iranerin Mina Aryaee Nejad zu sehen. Arash porträtiert auf berührende Weise seine neue Heimat (oder die hoffentlich einmal dazu werden kann) in klassischer Öltechnik, Mina spiegelt in ihren Bildern, die während ihrer Zeit in der Gemeinschaftsunterkunft entstanden, innere Gefühle, farbarm und dunkel oder auch grellbunt. Die Runde beschlossen zehn hintergründige und treffsichere Karikaturen von Maneis Arbab.

Das Abendprogramm eröffneten Adel Salameh und Salah Eddin Maraqa mit weiteren Interpretationen aus ihrem großen Repertoire klassischer arabischer Werke auf Oud und Qanun. Nach der Pause zeigte die Tänzerin Ali Schwartz Ausschnitte ihres Solos „Nowhere safe – Wo wir recht haben wollen, blühen keine Blumen“, das im letzten Jahr während ihres zehnmonatigen Aufenthalts im Westjordanland entstand. Sie spricht und tanzt mit größtmöglicher Konzentration, Klarheit und Intensität: ein dialektisches Stück über Ästhetik inmitten von Chaos, über Entschlossenheit angesichts von Perspektivlosigkeit, über Mitgefühl und Eigensinn, Abgrenzung und Verbindung. Sie nahm uns mit zu den Fragen nach Berechtigung und Notwendigkeit von Kunst in existentiellen Situationen.

Burkhard Hose folgte mit einem Statement, das unter dem Titel „Würzburg – weltoffen!?“ sehr konkret und präzise die Situation in Würzburg zwischen Solidarität und politischer Brandstiftung beschrieb und analysierte und in dem er denjenigen seine Hochachtung zollte, die unbequem bleiben, indem sie Widerstand leisten – Widerstand gegen Intoleranz, Ressentiments und gegen mutlose, fehlgeleitete Politik.

Höhepunkt und Abschluss des Abends war das Tanztheater, das in den vorausgegangenen Wochen in Zusammenarbeit von Ali Schwartz, den Musikern Dirk Rumig, Johannes Liepold und Rashid Jalaei und Mitgliedern der Theatergruppe „Die Überlebenden“ (Antonia Marx, Mina Aryaee Nejad, Nina Bärnreuther, Said Niyaz und Shamsollah Amani) in intensiver Probenarbeit entstanden war und von den Mauern in uns, um uns und um uns herum erzählt: „Die Mauer und das Ei“. Die TänzerInnen und Musiker spannen mit Text, Bewegung und Musik einen Entwicklungsbogen von Rassismus zu Mit-Gefühl, zeigen, was Ressentiments und Mauern mit und aus Menschen machen und wohin uns Einfühlungsvermögen gemeinsam tragen kann.

Die Energie des Abends befeuerte Austausch und Gespräche; der kleine Garten im Schutz der Mauern des Julianums lud noch zum Verweilen ein. Am Infostand gab es Gelegenheit, sich über die zahlreichen und vielfältigen Würzburger Initiativen rund um ehrenamtliche Unterstützung von Flüchtlingen und politischer Aktion gegen Rassismus und Intoleranz zu informieren: Würzburg bleibt bunt! In Kooperation mit dem Fairtrade-Festival klang die Nacht mit einer Party in der MS Zufriedenheit aus.

In den folgenden beiden Wochen waren wir mit Teilen des Programms noch in zwei Gemeinschaftsunterkünften zu Gast: im Kloster der Erlöserschwestern in der Ebracher Gasse konnte am 17. Juli im Rahmen des von Jonas Hermes organisierten Programms „Willkommen mit Musik“ nochmals „Die Mauer und das Ei“ gezeigt werden und Salah Eddin Maraqa ergänzte mit einigen Stücken auf der Qanun. Am 21. Juli war „Die Mauer und das Ei“ in der Gemeinschaftsunterkunft in der Veitshöchheimer Straße im Rahmen des Sommerfestes der Caritas zu erleben.

Worum war es gegangen an diesen beiden Tagen und in der Vorbereitungszeit? Muchtar Al Ghusain hatte es in seiner Begrüßung formuliert: dass Menschen hier ankommen und leben können, bedeutet natürlich viel mehr als Essen, Trinken, ein Dach über dem Kopf und Schutz vor Verfolgung – die Willkommenskulturtage sind der Versuch, im künstlerischen Austausch ein wenig Reibungswärme zu erzeugen und einander in der Mitte der Gesellschaft auf gleicher Augenhöhe zu begegnen und dies auch sichtbar zu machen. Und in der Begegnung spürbar zu machen, wie die Frage nach der Herkunft ihre Bedeutung verliert. Walls Down – das heißt, die inneren Mauern einzureißen, aber auf die äußeren Mauern immer wieder hinzuweisen: während die Willkommenskultur auf kommunaler Ebene und in der zwischenmenschlichen Begegnung an Wärme und Selbstverständlichkeit gewinnt, wird das Klima der deutschen und europäischen Flüchtlingspolitik immer unmenschlicher und eisiger, wird die Abschottung und Abschiebung vorangetrieben, wird ein Abwehrkrieg gegen Flüchtende und Schutzsuchende inszeniert.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei allen Mitwirkenden der Willkommenskulturtage für ihren Einsatz, bei unserem Publikum für ihr Interesse und die großzügigen Spenden und bei allen Menschen, Institutionen und Unternehmen, die uns auf vielfältige Weise unterstützt haben: Stahl.Lehrmann Architekten, Vollkornbäckerei Köhler, Central Programmkino, flyeralarm und Standpunkt e.V., Music and Lights Components/Bernd Hartmann, Manuela Paulsen, Katholische Hochschulgemeinde, tanzraum, Kellerperle, Fairtrade Festival, Rainer Jäckel (Caritas), Jonas Hermes und bei Philipp, Yana, Lucia, Anna, Katharina, Christian, Natascha, Jose und Jonas.

Organisationsteam: Anastazja Zydor, Astrid Sommer, Ali Schwartz, Nina Bärnreuther, Giovanni Siragusa, Muchtar Al Ghusain, Salah Eddin Maraqa

Gestaltung Flyer und Plakat: Dietmar Kaiser

Technik: Andreas Emmerling

Link zur Rede von Navid Kermani: http://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2014/-/280688 oder auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=hj_7dZO3pSs

Bericht MainPost vom 13. Juli 2015: http://www.mainpost.de/regional/wuerzburg/Hardrock-Heavy-Metal-Jazz-Musiker-Musiker-Palaestina-Theaterprojekte;art735,8822470

25.07.2015, Astrid Sommer

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